Auf den Spuren der Vergangenheit

Aus der Region

Kriminalroman / Eine Kolumne von Thordis (18)

Ungewohnt kleinlaut saß Sam O`Hara in Duana´s Büro und bestritt vehement, dass er Peter Watts gekannt habe. Er war lediglich aus Anstand und als Begleitung seiner Schwester zu der Beisetzung gegangen. Nicht mehr und nicht weniger! Die Überweisung von zwanzigtausend Euro auf Peter´s Konto durch Jeff Devine konnte sich der Bürgermeister ebenfalls nicht erklären. Warum auch? Er war ja nicht der Finanzchef von Devine. Ganz zu schweigen davon, warum im Betreff unter anderem sein Name erwähnt wurde. „Onkel, ist dir eigentlich bewusst, in was für Schwierigkeiten du dich und nebenbei auch mich bringst? Es ist doch offensichtlich, dass es zwischen dir und Peter Watts eine Verbindung gab. Du kannst mir nicht weis machen, dass ihr euch nicht gekannt habt. Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock!“ Duana war aufgestanden und hatte sich dicht neben ihren Onkel gestellt. Sie stemmte demonstrativ ihre Hände in die Hüften und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Nun war der mächtige Sam O`Hara gezwungen zu seiner Nichte aufzublicken, was ihm sichtlich missfiel. Schließlich schaute man zu ihm auf und nicht umgekehrt. „Warum spielst du nicht mit offenen Karten. Dann könnte ich dir vielleicht helfen, wenn es dazu eine Veranlassung gäbe. Aber wenn du es drauf anlegst, kann ich dir das Leben auch ganz schön schwer machen. Ist deine Entscheidung!“ Es waren ungewohnte Töne von Duana gegenüber einem Familienmitglied. Sie war über sich selbst erschrocken, musste sich aber auch eingestehen, dass sie in diesem Fall keine andere Wahl hatte. Sie fand, dass es an der Zeit war, dass man dem alten Mann seine Grenzen aufzeigte. Hier und jetzt war ein guter Zeitpunkt dafür. Sam schaute sie auf einmal überrascht an und holte zum Gegenangriff aus. „Liebes, da muss ich dir leider widersprechen. Mir kann man das Leben gar nicht schwer machen, denn ich bin der wichtigste Mann in Dublin. Im Übrigen ist Blut dicker als Wasser und bei der Familie sollte man immer ein Auge zudrücken. So habe ich es auch immer gehalten. Und genau aus diesem Grund bist du hier auf der Insel. Ich habe dich zurückgeholt.“ Duana war nun vollkommen verwirrt und wich seinem unangenehm stechenden Blick aus. Doch die bittere Aussage ihres Onkels brodelte in ihr. „Was soll das heißen, du hast mich zurück auf die Insel geholt? Du hattest damit überhaupt nichts zu tun. Ich habe mich ganz korrekt auf die ausgeschriebene Stelle beworben, wurde zum Gespräch eingeladen und dann durch Polizeichef Tim Brown eingestellt.“ Unweigerlich ging sie wieder auf Abstand und verkroch sich hinter ihrem Schreibtisch. Der Bürgermeister erhob sich von seinem Stuhl, der erleichtert aufatmete und zog seinen Mantel an. „Wie du meinst mein Kind! Das hört sich natürlich alles ganz gut an, entspricht aber nicht ganz der Wahrheit. Bitte entschuldige, wenn du sonst keine Fragen mehr hast, würde ich mich gerne wieder meinen Verpflichtungen als Bürgermeister widmen. Ich habe einen vollen Terminkalender und kann meine Arbeit nicht vor mir herschieben. Das verstehst du ja sicherlich.“ Duana ließ sich kraftlos auf ihren Stuhl fallen und musterte ihren Onkel von oben bis unten. Unglaublich! Was fiel dem denn ein? Er hatte so gar nichts von ihrer liebenswerten Mutter Tracy und auch Tante Sina war nicht so kratzbürstig und feindselig wie er. Dass sich die drei Geschwister in frühester Jugend oft gestritten hatten, konnte sich Duana bildlich ausmalen. „Ja sicher kannst du gehen Onkel Sam. Wenn ich von dir sowieso keine richtigen Antworten bekomme, macht das ganze Verhör eh keinen Sinn. Wenn ich noch weitere Fragen habe, weiß ich ja wo ich dich finde.“ Sam verbeugte sich galant vor seiner Nichte und marschierte pfeifend und gutgelaunt aus ihrem Büro. Dann drehe er sich nochmal zu ihr um und sagte: „Und was deine Einstellung bei Garda Dublin betrifft, solltest du nochmal ausführlich mit Tim Brown sprechen. Vielleicht glaubst du ihm ja mehr als mir.“

Am Morgen hatte sich das Wetter abrupt zugezogen und es sah nach Regen aus. Tim Brown hatte Duana kurzfristig in sein Büro bestellt, sodass die kleine Dunkle sich schneller auf den Weg in die Zentrale machen musste als geplant. Als sie durch die engen Gassen von Dublin lief, konnte sie das Gedankenkarusell in ihrem Kopf nicht anhalten. Immer wieder musste sie an die Worte ihres Onkels denken. Das Gespräch gestern Abend mit ihrer Mutter hatte sie ein bisschen abgelenkt und ihr wieder ein bisschen Hoffnung gemacht. „Ich bin mir sicher Liebes, dass Luke nach den Sommerferien wieder ganz normal zu Hause zur Schule gehen wird. Er ist nicht für immer abgehauen, sondern brauchte einfach nur eine kleine Auszeit. Das kommt bei Teenies manchmal vor. Aber das Problem, was er mit sich rumschleppt, muss natürlich nach seiner Rückkehr angesprochen werden. Dessen bist du dir ja bewusst!“ Wie sicher und zuversichtlich Tracy in schwierigen Situationen klang beeindruckte Duana immer wieder. Und für einen Moment hatte sich Duana gewünscht, selbst wieder ein Kind zu sein, um sich in die schützenden Arme ihrer Mutter zu stürzen. Natürlich war ihr klar, dass es Zeit war, mit Luke über seinen Vater zu sprechen. Doch im Moment wollte sie nicht darüber nachdenken, wie sie das anstellen sollte. Als Duana um die letzte Ecke bog, konnte sie gerade noch sehen, dass Ben Forbes in seinen Dienstwagen stieg. Als er sie entdeckte, überzog ein süffisantes Grinsen sein Gesicht. Grußlos fuhr er schließlich an ihr vorbei. Kurz darauf betrat sie Tim Browns unaufgeräumtes Büro, welches heute noch muffiger roch als sonst. Der Chef bot ihr seinen bequemsten Stuhl an, was in dem heillosen Chaos gar nicht so einfach war. Er fragte nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen und schaute sie dabei durchdringend an. Etwas kurz angebunden schilderte Duana ihre Vermutungen und bat um noch ein wenig Geduld. Sie vermittelte ihm, dass sie dem Mörder ganz dicht auf den Fersen waren und klang dabei recht überzeugend. Brown nickte zuversichtlich. „Was ist mit dieser Susan Devine? Gehört sie auch zu den Verdächtigen?“ Duana rutschte nervös auf ihrem Holzstuhl hin und her. „Patrick und ich sind uns nicht ganz sicher. Sie könnte ein Motiv gehabt haben und steht daher unter Verdacht. Anscheinend hat sie Peter Watts und Florans Blake ein paar Tage vor der Tat am Strand überrascht.“ Duana hatte ihr Notebook geöffnet und hochgefahren. „Glauben Sie, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Frauen gibt?“ Tim Brown beobachtete seine Mitarbeiterin ganz genau, was Duana total unangenehm war. Sie nickte. „Den gibt es mit Sicherheit, denn es gibt mehrere Bilder, auf denen beide Frauen mit Peter Watts abgelichtet wurden. Patrick und ich sind dran, doch das könnte sich noch ein wenig hinziehen. Aber wir vermuten, dass die Fäden auf dem Golfplatz der Blake´s zusammen laufen.“ Duana tippte wie wild etwas in ihren Computer, nur um der unangenehmen Situation zu entkommen. „Dann müssen sie wohl auch ihrem Onkel ganz genau auf die Finger schauen. Der ist doch ein gerngesehener Gast im Golfclub und mit den Devine´s befreundet, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht kann er ja weiterhelfen.“ In Tim Brown´s Stimme schwang ein bisschen Sarkasmus mit, was Duana keineswegs entgangen war. Aber sie war wild entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen. „Selbstverständlich! Wir sind mitten in den Ermittlungen und das schließt alle Personen mit ein, die in irgendeiner Weise etwas mit Peter Watts zu tun hatten. Und natürlich mache ich bei meinem Onkel da keine Ausnahme. Das können sie mir glauben.“ Brown lachte spitzbübisch. „Duana, das glaube ich ihnen aufs Wort.“ Er strich sich über sein Kinn. „Ich bin sehr froh, dass ich sie vor einem halben Jahr für unser Präsidium gewinnen konnte und sie von der Polizia di Stato Rom nach Dublin gewechselt haben. Das hat mal wieder bewiesen, dass ich einen guten Riecher für fabelhafte Mitarbeiter habe.“ Der Chef lehnte sich genüsslich zurück und spielte mit seinem Kugelschreiber, den er sich aus einem Stapel Filzstifte geangelt hatte. Bewusst schaute er sie nicht direkt an, als er fragte: „Gibt es Neuigkeiten von ihrem Sohn? Ich habe gehört, dass der Kleine ausgebüchst ist.“ Duana zuckte unwillkürlich zusammen. „Wie meinen sie das? Und woher….?“ Duana zwang sich, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen, was ihr aber nicht ganz gelang. „Nun ja, das Bild von Luke ging letzte Woche durch die Polizeimedien. Und es hieß, dass er in einem Kloster gefunden wurde.“ Brown hüstelte verlegen. „Wer hat denn das behauptet?“ Duana´s Frage kam so schnell und wie aus der Pistole geschossen, dass dem Chef keine Zeit für eine plausible Antwort blieb. „Das tut jetzt nichts zur Sache Duana. Fakt ist doch, dass sie im Moment als Mutter ganz andere Sorgen haben, als den Fall Peter Watts zu lösen. Ich finde, dass sie sich jetzt um ihr Kind kümmern sollten.“ Duana hatte das Gefühl, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. „Das ist sehr nett von ihnen und ich bin ihnen dankbar für ihr Einfühlungsvermögen, aber meine Priorität liegt in meiner Arbeit. Ich werde diesen Mordfall lösen und das so schnell wie möglich. Sie können sich auf mich verlassen.“ Duana war aufgestanden und wollte ihren Stuhl zurechtrücken, jedoch scheiterte ihr Vorhaben an unordentlich aufgeschichteten Zeitungen, die sofort zur Seite kippten. Brown hatte sich ebenfalls erhoben und sah sie zum ersten Mal offen und direkt an. „Die Familie hat immer Priorität Duana und kein lausiger Job ist es wert dieses wertvolle Geschenk zu vernachlässigen. Man sollte die Bindung und Innigkeit in einer Familie nie vergessen. Und ganz besonders hier in Irland, wo der Zusammenhalt immer noch sehr groß geschrieben wird. Aber das muss ich ihnen ja nicht sagen.“ Er wollte einen Schritt auf sie zugehen, doch Duana wich zurück. „Patrick wird natürlich weiter mit dem Fall betraut sein. Aber sie werden selbstverständlich freigestellt, bis die Sache mit ihrem Sohn geklärt und in ihrem Leben wieder Ruhe eingekehrt ist. Solange wird Ben Forbes ihren Fall übernehmen.“ Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, fing Brown an die verschütteten Zeitungen zu sortieren. Doch so schnell wollte sich die kleine Dunkle nicht geschlagen geben. „Ich gebe ihnen voll und ganz Recht, dass die Familie höchste Priorität hat. Deshalb sind meine Schwester und mein Schwager auch in ständigem Kontakt mit dem Kloster und informieren mich über alles was dort passiert. Selbst meine Mutter ist aus Schweden angereist und wird mich in dieser Angelegenheit unterstützen.“ Demonstrativ blieb sie vor dem Schreibtisch stehen. „Deshalb werde ich die Ermittlungen auch weiterhin leiten, gemäß meiner zugeteilten Position. Aber ich danke ihnen sehr für ihre Anteilnahme und ihre Aufmerksamkeit. Doch nun muss ich mich um einen unserer Hauptverdächtigen kümmern.“ Selbstbewusst drehte Duana sich auf dem Absatz um und hatte die Klinke schon in der Hand. „Ihr Onkel hat wirklich Recht behalten, dass sie Durchsetzungsvermögen und Biss haben. Im Übrigen haben sie es ihm zu verdanken, dass sie auf der Insel sind.“



Anzeigen aus der Region