Auf den Spuren der Vergangenheit

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Foto: Thordis

Kriminalroman | Eine Kolumne von Thordis (19)

Kurz nach elf Uhr morgens war der Brazen Head noch spärlich besucht und Ron wischte gedankenverloren ein paar Tische ab. Howard Sinclair war da und las vertieft einen Artikel in der Irish Times. Oscar Collins saß wie immer an der Bar, hatte einen Pint vor sich stehen und glotzte auf den stummgeschalteten Fernseher über der Theke. Als sich die Tür der Wirtschaft öffnete und eine attraktive Frau den Pub betrat, strahlte Ron übers ganze Gesicht. Sofort warf er den Wischlappen ins Spülbecken und ging schnurstracks auf seinen neuen Gast zu. Es war Anne Watts, die Mutter des Opfers Peter Watts, die unsicher den Raum betreten hatte. „Schön, dass du gekommen bist. Was darf ich dir bringen? Willst du vielleicht eine Kleinigkeit essen? Du kannst dir alles aussuchen was du möchtest. Geht aufs Haus!“ Einen Moment schien es so, als ob die Frau augenblicklich auf dem Absatz kehrt machen wollte, doch dann besann sie sich und setzte sich auf einen freien Barhocker. „Hallo Ron, ich werde nur eine Apfelschorle trinken, aber vielen Dank für dein Angebot.“ Ron brachte ihr die kühle Flüssigkeit, legte aber vorsichtshalber die Speisekarte neben das Glas. Er schaute sie mit betrübtem Gesicht an „Ich kann gar nicht glauben, dass Peter nicht mehr unter uns ist. Für mich klingt das immer noch so unrealistisch, ich habe das noch gar nicht richtig begriffen. Ist wie in einem schlechten Traum“, sagte er leise und kaum hörbar. Man merkte ihm an, dass er mit den Tränen kämpfte.

Anne Watts hob eine der präzise nachgezogenen Augenbrauen und nippte von der Schorle. Dann drehte sich Oscar zu ihr um, der scheinbar ein paar Wortfetzen mitbekommen hatte. „Madam, sie können Ron glauben was er sagt! Denn wenn ich es mir recht überlege, habe ich den alten Haudegen noch nie so niedergeschlagen gesehen. Und ich kenne ihn schon eine ganze Weile. Seine glasigen Augen sagen doch wirklich mehr als tausend Worte.“ Der Alte nahm einen Schluck von seinem Pint und wischte sich den überschüssigen Schaum von der Oberlippe. Ron warf ihm einen ärgerlichen Blick zu und räusperte sich verlegen. Nervös polierte er schon seit einigen Sekunden ein Glas, was er nun zielsicher in das Regal hinter sich stellte. Anne rollte mit den Augen und schaute Ron direkt an. „Es fällt mir wirklich schwer das zu glauben. Du kanntest unseren Jungen doch kaum und hast dich nicht wirklich viel um ihn gekümmert. Und jetzt soll ich dir die Rolle des trauernden Vaters abnehmen. Das ist doch absurd.“ Anne Watts sprach so laut, dass Howard Sinclair hinter seiner Zeitung nun aufmerksam auf das Gespräch wurde und seine Lauscher auf Empfang stellte. Als Privatdetektiv hatte er ein Gespür dafür, wann eine Unterhaltung interessant wurde und wann es besser war die Ohren zu verschließen. Aber diese Geschichte konnte in der Tat recht spannend werden. Der alte Oscar grinste übers ganze Gesicht und fand es sichtlich toll, dass seine Aussage so viel Aufsehen erregt hatte. Ron deutete Anne an, dass sie den übernächsten Barhocker nehmen sollte und beugte sich mit seinem Oberkörper über die Theke. Leise flüsterte er. „Das finde ich jetzt aber ungerecht von dir. Du hast mir doch den Umgang mit ihm verboten, als er ein Kind war. Was sollte ich da machen? Mir waren doch die Hände gebunden, da wir nicht verheiratet waren. Als er dann plötzlich vor ein paar Monaten hier auftauchte, war ich so froh ihn wiederzusehen. Du weißt, dass ich ihm sofort einen Job in der Bar gegeben habe, damit er sein Studium finanzieren konnte. Und die Unterkunft bei Sina O`Hara hatte ich ihm auch besorgt. Er wollte ja leider nicht bei mir wohnen. Hast du das etwa vergessen?“ Anna lächelte unsicher und senkte verlegen ihren Kopf. „Sorry Ron, ich wollte dich nicht angreifen. Das war dumm von mir! Aber ich bin so verzweifelt und kann einfach nicht glauben, dass er nicht mehr da ist. Wie soll es ohne ihn nur weitergehen?“ Sie hatte ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche gezogen. Schnell wischte sie sich die herunterlaufenden Tränen weg und schnäuzte ein paar Mal feste ins Tuch hinein. Ron tätschelte ihr betroffen die Hand und behielt sie für einen Moment in seiner. Er schämte sich nicht seine eigene Trauer zu zeigen und ließ die salzige Flüssigkeit ungehindert über seine Wangen laufen. „Mir geht es genauso Anne! Und ich kann nur hoffen, dass sie den Täter so schnell wie möglich finden und er eine gerechte Strafe bekommt. Wenn es sein muss, werde ich mich selbst auf die Suche nach dem Verbrecher machen und ihn zur Strecke bringen.“ Es funkelte etwas Unberechenbares in Rons Augen, als er die letzten Worte aussprach. Anne lief augenblicklich ein Schauer über den Rücken und instinktiv zog sie ihre Hand weg.

Langsam füllte sich der Pub, denn die tägliche Mittagskundschaft trudelte allmählich ein. Der Geräuschpegel stieg in dem niedrigen Raum so sehr an, sodass Howard nicht mehr alles verstehen konnte. Nur noch Wortfetzen kamen zu ihm rüber gewabert. Trudy kam mit einem vollen Tablett aus der Küche gelaufen und Ron musste schnell hinter die Theke, da einige Getränkebestellungen eingegangen waren. Oscar nahm die Gelegenheit wahr und rückte wieder ein Stück näher zu Anne Watts. Er zischte ihr etwas ins Ohr und grinste hämisch. Jedoch war es so laut geworden, dass Howard den kurzen Wortwechsel zwischen den Beiden nicht wirklich mitbekam. Ron starrte beunruhigt zu ihnen hinüber, konnte aber in dem ganzen Trubel die Theke nicht verlassen. Howard kramte in seiner Aktentasche und holte schließlich sein Handy hervor, welches er unauffällig aber gekonnt auf seinem Tisch platzierte. „Sind sie mit Ron verwandt? Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Sie sind nicht das erste Mal auf der Insel? Hab ich Recht?“ Unaufhörlich taxierte der alte Oscar die eingeschüchterte Anne und gab keine Ruhe, bis sie ihm schließlich antwortete. „Nein, Ron und ich sind nicht verwandt. Wie kommen sie darauf? Und was geht sie das überhaupt an?“ Oscar musterte Anne amüsiert von oben bis unten. „Eigentlich geht es mich nix an, aber sie sind genau der Typ Frau, auf den Ron steht. Und ich hätt schwören können, dass wir uns vor ein paar Jahren schon einmal begegnet sind. Mir fällt nur nicht ein wo das war.“ Er strich sich über seinen ungepflegten Bart und machte dabei ein schlaues Gesicht. Dann blitzten seine Augen auf. „Mir ist es wieder eingefallen. Sie waren vor über zwanzig Jahren mit Ron liiert und haben mit ihm in dem alten Cottage auf der Lyon´s Road in Newcastle gewohnt. Stimmt´s? Dann waren sie auf einmal spurlos verschwunden. Der arme Tropf hat sie monatelang überall gesucht, bis er schließlich aufgab. Er verkaufte das Cottage und ließ sich schließlich hier in Dublin nieder.“ Anne wurde eine Spur blasser um die Nase und nippte hastig an ihrer Apfelschorle. „Hach….das ich nicht lache. Sie müssen mich wirklich mit einer anderen Dame verwechseln. Ron hatte doch in den letzten Jahren sicherlich zig Frauenbekanntschaften, die bei ihm ein und aus gegangen sind. Ich komme aus Schottland und habe noch nie in Irland gewohnt.“ Der Alte kratze sich umständlich am Hinterkopf, wobei er fast sein Pint umgeworfen hätte. Im letzten Moment konnte er es aber geschickt mit beiden Händen auffangen. „Nein, nein….ich erinnere mich an jedes Gesicht, was ich einmal in meinem Leben gesehen habe. Nur habe ich in letzter Zeit Schwierigkeiten, den Personen die richtigen Namen zuzuordnen.“ Anne streckte blitzschnell ihren rechten Arm in die Höhe und deutete an, dass sie bezahlen wollte. Oscar war für einen Moment abgelenkt und schaute gebannt auf den Fernseher, wo soeben die Mittagsnachrichten anfingen. Gerade wurde ein Foto von Peter Watts eingeblendet, welches den jungen Studenten bei seiner Forschungsarbeit zeigte. Ron griff instinktiv nach der Fernbedingung und stellte den Ton lauter. „…..wir bitten jeden, der Hinweise zum Opfer Peter Watts hat, auf das Polizeirevier von Dublin….“ Ron starrte fassungslos auf den Bildschirm. Anne´s Augen füllten sich erneut mit Tränen, die augenblicklich ihren ganzen Körper erzittern ließ. In dem Moment packte Howard sein Handy wieder in die Tasche, faltete die Irish Times zusammen und verließ den Pub.



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