Duana richtete sich nun auf und starrte in die wartende Menge. „Diesem Hinweis gehen wir auf jeden Fall nach. Doch leider kann ich dazu auch nichts Genaues sagen. Die Ermittlungen laufen mit Hochdruck und werden bald ihren Abschluss finden. Seien sie versichert, dass der Täter bald hinter Schloss und Riegel ist.“ Eine dünne, ältere Frau meldete sich nun zu Wort. „Ich frage mich, bringt das Polizeipräsidium Dublin tatsächlich den Mut auf, gegen einflussreiche Personen zu ermitteln? Wie ich gehört habe, soll ein bekannter Politiker in diesen Fall verstrickt sein. Können sie denn dazu etwas Genaueres sagen?“ Tim Brown lehnte sich abwartend zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Ben Forbes grinste unterdessen breit über's ganze Gesicht. Scheinbar wartete er nur darauf, dass Duana einen Fehler machte oder sich unklug verplapperte. Als Duana gerade zu einem Gegenangriff ansetzten wollte, legte ihr Patrick die Hand auf den Arm und bat sie leise, diese Frage selbst beantworten zu dürfen. Duana nickte und war froh, dass sie sich auf ihren lieben Kollegen verlassen konnte. „Selbstverständlich behandeln wir jeden Fall gleich und befragen auch einflussreiche Personen. Und in diesem Fall, war besagter Politiker bereits eine sehr konstruktive Hilfe für uns. Ihm ist es zu verdanken, dass wir bereits schon ein großes Stück weiter gekommen sind. Es gibt also keinen Grund für Spekulationen. Haben sie sonst noch Fragen?“ Die dünne Frau lächelte halbseiden und sagte: „Ist es richtig, dass ein naher Verwandter der leitenden Kommissarin unter Tatverdacht steht und eventuell etwas damit zu tun hat?“ Duana presste ihre Lippen zusammen und schaute Patrick von der Seite an. Doch bevor dieser etwas erwidern konnte, schaltete sich nun endlich Tim Brown wieder ein. „Wie wir alle wissen, ist uns Iren die Familie heilig. Doch das heißt nicht, dass wir sie vor allen Dingen schützen können. Natürlich würde jeder bei der Polizei auch innerhalb der eigenen Familie ermitteln, wenn es denn nötig wäre. Das ist für uns ebenso selbstverständlich, wie andere Tatverdächtige zu befragen.“ Brown blickte die dünne Frau durchdringend an und bestätigte somit seine klare Aussage. Diese gab sich nun endlich zufrieden und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Dann löste sich plötzlich Ben Forbes von der Wand und ging ganz gezielt auf die Journalistin ein. „Sie möchten aber sicherlich auch wissen, ob es bei uns zu einem Interessenkonflikt innerhalb der Behörde kommen könnte, aufgrund der Tatsache, dass ein Tatverdächtiger ein naher Verwandter der leitenden Kommissarin ist?“ Wer bis jetzt nicht mitbekommen hatte, von wem die Rede war, war nun vollends informiert. Die dünne Frau nickte Forbes unsicher zu. Patrick lief rot an! Er konnte die bodenlose Unverschämtheit seines Kollegen kaum glauben. In Duana stiegen Tränen hoch, doch sie versuchte krampfhaft diese zu unterdrücken. Bevor jemand anderes im Raum etwas sagen konnte, schaltete sich Tim Brown abermals ein. „Vielen Dank für die schlaue Bemerkung Ben, aber ich denke die Journalisten haben nun alles für einen ersten Artikel. Wir halten sie natürlich alle auf dem Laufenden und werden in der nächste Woche erneut eine Pressekonferenz ansetzen. Alles Weitere erfahren sie dann von meinem Kollegen Ben Forbes. Er ist ab sofort für alle Pressefragen ihr persönlicher Ansprechpartner.“ Tim Brown funkelte Ben Forbes böse an und war sichtlich nicht erfreut, dass er Duana´s ersten öffentlichen Auftritt dazu genutzt hatte, um sie vor allen bloßzustellen. „Pah…damit hat der Spinner nicht gerechnet. Der wird in den nächsten Wochen kein Auge zumachen, denn die Presse in Dublin ist unerbittlich.“ Patrick nahm Duana´s Arm und verließ zusammen mit ihr durch die Hintertüre den Konferenzsaal.
Am frühen Nachmittag war Duana der einzige Gast in dem kleinen Café am Hafen von Howth. Sie bestellte sich einen Espresso und ging noch einmal alle Angaben durch, die sie bisher zusammen mit Patrick gesammelt hatte. John Sullivan ging ihr irgendwie nicht aus dem Kopf. Und obwohl er für besagten Zeitraum im Fall Albert Bush ein Alibi hatte, kam Duana etwas spanisch daran vor. Eigenartig war auch Sullivan´s Reaktion gewesen, als er vor ein paar Tagen von Peter´s Tod erfahren hatte. Als sein Uni Professor und Mentor hatte sich die kleine Dunkle mehr Anteilnahme von ihm gewünscht. Aber stattdessen kam nur ein kurzes Schnaufen und ein tiefes Grunzen durch den Hörer gewabert, als sie ihm die Nachricht überbrachte. Duana dachte angestrengt nach und ihr Bauch signalisierte ihr, dass sie ganz nah an einer Lösung war. „Darf ich mich setzten?“ Die dünne Journalistin von der gestrigen Konferenz lächelt Duana unverbindlich an. „Selbstverständlich! Wir sind doch hier verabredet.“ Duana bot ihr den Platz neben sich an, jedoch die Journalistin bevorzugte den Stuhl auf der gegenüberliegenden Tischseite. „Ist das ein Verhör?“ Duana hatte das Gefühl, dass die dünne Frau direkt und schnell auf den Punkt kommen wollte. Irgendwie wirkte sie ein wenig gehetzt. „Ich stelle mich am besten erst einmal vor. Mein Name ist Duana Miller und ich bin seit etwa sechs Monaten die leitende Kommissarin hier in Dublin. Vorher war ich acht Jahre in Italien bei der Polizia de Stato in Rom.“ Duana konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum sie sich so ausführlich vorstellte. Ihr Name und der Dienstgrad hätten hier vollkommen ausgereicht. Aber wahrscheinlich war die resolute Erscheinung der Journalistin daran schuld, die Duana ein wenig Ehrfurcht einflößte. Die dünne Frau lächelte nun etwas freundlicher. Die kleine Dunkle bemerkte, dass die Journalistin heute gar nicht mehr so alt wirkte, wie gestern bei der Pressekonferenz. „Entschuldigen sie! Wo bleiben meine Manieren? Ich bin Susi Silverline und arbeite seit fast zehn Jahren beim Galway Daily.
Davor war ich bei einer kleinen Klatschpresse hier in Dublin, ist aber nicht der Rede wert. Gebürtig bin ich aus Newcastle. Der Liebe wegen hat es mich damals nach Galway verschlagen.“ Susi Silverline löste ihr rosa Seidentuch, welches sie locker um den Hals gebunden hatte. Sie bestellte sich ein Schinkentoast und ein stilles Wasser. Verwundert stellte Duana fest, dass die dünne Dame kaum älter als sie selbst war und das weiße, schlichte T-Shirt was sie trug, hatte sicherlich über hundert Euro gekostet. Das passte alles unweigerlich zur oberen Gesellschaft von Galway. „Ich kann nicht glauben, dass sie zufällig in Dublin sind! Stimmt´s?“ Duana begann ohne Umschweife die Unterredung und ging nicht auf die Frage wegen des Verhörs ein. Die dünne Frau lehnte sich zurück. „Genauso wenig glaube ich ihnen, dass sie das Mordmotiv von Peter Watts nicht mit dem neuen Fall von Albert Bush in Verbindung bringen. Es ist alles zu offensichtlich und passt wunderbar zusammen.“ Duana beobachtete Susi Silverline genau und hatte schon gestern bemerkt, dass sie eine gerissene Person war. „Wonach suchen sie hier? Das ist doch überhaupt nicht ihr Wirkungskreis. Gibt es in Galway nicht genug spektakuläre Fälle?“ Susi wurde nun ernst. „Meine Kollegen aus Galway und ich sind schon seit einer gefühlten Ewigkeit einer Bande auf der Spur, die illegal mit einflussreichen Forschungsergebnissen handelt.“ Ein junges Mädchen servierte, den Espresso, das stille Wasser und das Schinkentoast. „Sie sind einer Bande auf der Spur? Das sollten sie lieber meinen Kollegen in Galway überlassen.“ Silverline biss in das Schinkentoast und der geschmolzene Käse tropfte aus allen Ritzen auf den weißen Teller auf dem Tisch. Mit vollem Mund versuchte sie auf Duana´s Frage zu antworten. „Ja, eine Bande Kleinkrimineller, die für eine Agentur arbeitet, die sich auf wertvolle Forschungsarbeiten junger Studenten spezialisiert hat. Dabei geht es immer um hohe Summen und um Forschungsergebnisse, die plötzlich verschwinden. Natürlich sind die Kleinkriminellen meistens die Verlierer und die dicken Bosse sahnen richtig ab.“ Duana verstand und nickte zustimmend. „Und diese Recherchen hat sie hier nach Dublin, beziehungsweise zu unseren beiden Fällen gebracht?“ Susi Silverline nickte kurz, denn sie schob sich den letzten Rest des Schinkentoast in den Mund. Mit vollen Wangen und einem Schluck Wasser sagte sie: „Ich war vorgestern Abend mit Albert Bush verabredet, da ich ihn zum Tod von Peter Watts interviewen wollte. Doch dazu kam es leider nicht. Er sagte mir kurzfristig ab.“ Nervös fummelte die dünne Frau an ihrem Halstuch und schaute sich verstohlen zur Seite um. Am Nachbartisch hatte sich ein junger Mann mit blauen Jeans und rotem Sweater gesetzt. Vertieft studierte er die Speisekarte, doch Duana bemerkte sofort, dass er vielmehr an ihrem Gespräch interessiert war. Daraufhin ging sie schnell zur Theke und bezahlte die beiden Getränke und das Schinkentoast. Susi Silverline folgte ihr ohne ein Wort zu sagen. Als die beiden Frauen auf der Straße standen fragte Duana. „Werden sie beobachtet oder sogar verfolgt?“