Auf den Spuren der Vergangenheit

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Foto: © Thordis

Kriminalroman / Eine Kolumne von Thordis (25)

Die Journalistin nickte stumm, wirkte aber auch gleichzeitig relativ gleichgültig. „Seit ich vor zwei Tagen hier in Dublin angekommen bin, habe ich das Gefühl, dass hinter jeder Straßenecke jemand lauert, der mich beobachtet. Aber das sind wir Journalisten ja gewöhnt. Von daher ist das nichts Besonderes für mich. Aber so extrem hatte ich das in der Tat noch nie.“ Duana war erstaunt, zollte der dünnen Frau aber auch ihre Hochachtung für ihre coole Haltung. Ob diese Gleichgültigkeit tatsächlich echt oder gespielt war, konnte Duana nicht beurteilen. Für sie klang das ein wenig zu abgebrüht. Schließlich wusste sie ja nicht, wer sie beschattet und was die Person im Schilde führte. Prüfend schaute sich die Polizistin um, doch ihnen war niemand gefolgt. „Wie gut kannten sie Albert Bush überhaupt?“ Susi Silverline war stehen geblieben und schaute Duana prüfend an. Doch dann wurden ihre Gesichtszüge offener und sie erzählte. „Ich habe ihn im letzten Jahr auf einer Pressekonferenz kennengelernt. Daraufhin haben wir uns ein paar Mal getroffen und er berichtete von seiner Arbeit. Er machte auf mich immer einen korrekten und ehrlichen Eindruck. Doch wir wissen ja, dass man sich bei Menschen ganz schön täuschen kann. Ist halt so, wenn sich einer gut verkaufen kann.“ Die beiden Frauen liefen die Seebrücke zum Lighthouse entlang und schwiegen für einen Moment. Die Ebbe hatte den kleinen Strandabschnitt rechts von ihnen großzügig verbreitert. 

Ein paar Kinder tollten in der Ferne durch den Sand und jauchzten fröhlich um die Wette. Dann sah Duana den jungen Mann aus dem Café in seinem auffallend roten Sweater am Strand stehen. Die kleine Dunkle nickte Susi zu. „Schauen sie mal, der saß eben neben uns am Tisch. Scheinbar ist er uns doch gefolgt, denn das kann kein Zufall sein. Ich werde meinen Kollegen bitten, dass er den Typen mal überprüft. Da es scheinbar doch einen Zusammenhang zwischen ihren Ermittlungen und unseren Fällen gibt, muss ich darauf bestehen, dass sie mir alles haarklein erzählen.“ Silverline wiegte den Kopf hin und her. „Ich glaube dafür ist es noch zu früh. Das würde meine Beschatter doch nur unnötig beunruhigen. Aber ich verspreche ihnen, mich sofort bei ihnen zu melden, sobald ich Neuigkeiten von meinem Kollegen aus Galway habe.“ Sie hielt Duana ihre rechte Hand hin und signalisierte, dass ihre Aussage damit besiegelt war. Duana gefiel die Situation überhaupt nicht, denn der junge Mann ging nun Richtung Seebrücke. „Mir ist ehrlich gesagt nicht ganz wohl bei der Sache. Ich traue dem Frieden hier einfach nicht. Mein Kollege wird gleich hier sein, er ist ganz in der Nähe, sodass er nicht lange braucht.“ Duana informierte sofort Patrick Woods und legte dann schnell wieder auf. „Wir sollten lieber wieder zurück zum Strand und dann in die andere Richtung gehen. Hier auf der Seebrücke möchte ich dem Typen ungerne über den Weg laufen.“ Susi schüttelte den Kopf. „Ich habe leider überhaupt gar keine Zeit mehr. Wenn sie noch mehr wissen wollen, dann fragen sie mich hier und jetzt. Der Kerl ist doch noch meterweit entfernt. Der kann unser Gespräch unmöglich verfolgen. Es sei denn, er kann Lippenlesen.“ Duana verzog das Gesicht, ging aber auf die Bitte der dünnen Frau ein. „Wissen sie denn schon wer dahinter steckt? Wo kommen die Drahtzieher her?“ Silverline schüttelte vehement den Kopf. „Wir sind schon lange an der Sache dran, wissen aber immer noch nichts Konkretes. Deswegen hatte ich meine ganze Hoffnung auf ihre Pressekonferenz gelegt. Aber das war ja nicht wirklich hilfreich.“ Diese Formulierung kannte Duana nur zur Genüge von ihrer eigenen Arbeit. Und obwohl Susi mit einem offenen Blick anschaute, spürte die kleine Dunkle, dass etwas im Argen lag. Die dünne Frau zündete sich eine Zigarette an und stieß den Qualm in den Himmel. „Solange ich hier in Dublin bin, gehe ich nirgendwo hin, ohne sie davon zu unterrichten. Das verspreche ich ihnen.“ Duana nickte gedankenverloren. „Wie lange wollen sie denn noch bleiben?“ Die Journalistin zuckte unschlüssig mit den Schultern. „Kommt drauf an, wie es sich hier noch entwickelt. Bis zur nächsten Pressekonferenz bleibe ich auf jeden Fall. Das habe ich meinem Chef in Galway schon gesagt. Vielleicht gibt es ja dann Neuigkeiten.“ Eine leichte Brise kam auf und wirbelte Duana´s Locken durcheinander. „Wenn sie mich nicht erreichen, dann informieren sie bitte meinen Kollegen Patrick Woods. Er war eben auch auf der Pressekonferenz und saß neben mir. Seine Nummer steht ebenfalls auf der Karte.“ Duana gab der dünnen Frau ihre Visitenkarte und strich sich verlegen die Locken aus dem Gesicht.

Zaghaft klopfte Duana an die Zimmertüre von Luke. Das Haus, indem ihre Schwester und ihr Schwager wohnten, stammte aus den zwanziger Jahren und war wunderschön hergerichtet. Ihre Schwester hatte immer schon einen guten Geschmack für Ambiente und Gemütlichkeit gehabt. Hier hatte sie sich voll und ganz ausgelebt. Man konnte ihre Handschrift in jedem Winkel spüren. Duana war erst vor wenigen Minuten angekommen und direkt in den ersten Stock gelaufen. Vorher wurde sie aber von ihrer Mutter Tracy und ihrem Stiefvater Erik feste in den Arm genommen. Edana und Georg waren im Wohnzimmer und liefen ihr freudestrahlend entgegen. „Schön, dass du da bist. Es ist so wichtig, dass die Familie in jeder Lebenslage zusammenhält. Das müssen wir Luke nun ganz besonders stark vermitteln.“ Edana drückte ihre kleine Schwester ganz feste an ihr Herz und küsste sie auf die Wange. Auch von Georg bekam die kleine Dunkle einen herzlichen Drücker. Auch wenn alle gutgelaunt und positiv wirkten, lag doch eine gewisse Schwere im Raum. Als sie auch nach dem zweiten Klopfen keine Antwort von ihrem Sohn bekam, drückte sie die Klinke herunter und betrat zaghaft das Zimmer. Luke lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett und hatte seine Kopfhörer auf den Ohren. Wahrscheinlich hörte er gerade seine Lieblingsband „The Cranberries“ aus Limmerick und war ganz vertieft in den Song Zombie. Duana wurde sofort an ihre eigene Kindheit und Jugend erinnert. Sie wusste genau, wie sie sich damals gefühlt hatte, in dieser Hülle aus Abwehr, Verweigerung, aber auch der Sehnsucht nach Geborgenheit und Verständnis. Wenn sie ehrlich war, konnte sie Luke sehr gut verstehen. Vorsichtig setzte sie sich auf die Bettkante und wartete ab. Sie blickte in die weichen Gesichtszüge eines Kindes, was im Begriff war zu einem Mann zu werden. Zögernd nahm Duana Luke´s Hand. Er ließ es geschehen und schlug die Augen auf. Mit einem kleinen Lächeln wurde sie von ihrem Sohn begrüßt. Sofort hüpfte ihr Herz vor Freude. „Warum bist du so unglücklich? Magst du mir davon erzählen?“ Der Junge sah die kleine Dunkle lange an. Scheinbar hatte er geweint, denn man konnte die Spuren von getrockneten Tränen auf den Wangen erkennen. Nach einer kleinen Pause sagte er: „Ich habe das Gefühl, dass ich nicht richtig dazu gehöre. Und das stimmt ja auch. Edana und Georg sind nicht meine richtigen Eltern, sondern nur mein Onkel und meine Tante.“ Luke setzte die Kopfhörer ab und legte sie auf den Nachttischschrank. „Sie sind lieb und nett, aber sie streiten auch oft und ich bekomme das immer mit. Ich habe das Gefühl, dass es dabei immer um mich geht. Ich mag nicht der Grund dafür sein.“ Er setzte sich nun auf und verschränkte die Beine zum Schneidersitz. Seine Hand hatte er aus Duana´s gelöst. „Weißt du, für Edana und Georg ist es auch nicht immer einfach. Die haben auch ihre Probleme, die gelöst werden wollen. Und dann ist da auch noch June, die in einem sehr speziellen Alter ist. Eine Familie zu koordinieren kann ganz schön anstrengend sein.“ Duana tat ihr Bestes, um Luke wieder friedlich zu stimmen. „Aber sie lieben dich genauso wie June und machen dabei keinen Unterschied. Konntest du denn im Kloster deine Gedanken ein bisschen sortieren? Hat dir die Zeit dort denn wenigstens ein bisschen geholfen?“ Luke schaute seine Mutter an. „Weiß nicht so genau. Vielleicht ist mir dort einiges klar geworden, aber sicher bin ich mir da immer noch nicht.“ Duana beobachtete ihren Sohn ganz genau und musste feststellen, dass er in den letzten Wochen, wo sie ihn nicht gesehen hatte, ziemlich erwachsen geworden war. „Weißt du denn wohin du gehören möchtest? Was wäre dein innigster Wunsch?“ Luke nickte, ging aber nicht auf die beiden Fragen ein. Stattdessen stellte er selbst eine. „Bin ich eigentlich wie mein Vater? Von irgendjemandem muss ich doch diese sonderbare Art haben, wenn nicht von den Millers.“ Duana schluckte und ihr wurde in diesem Moment bewusst, dass Luke seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war.



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