Duana antwortete Luke nicht direkt, sondern rutschte verlegen auf der Kante hin und her. Der Junge wurde ungeduldig und schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke. „Siehst du! Du kannst mir noch nicht einmal auf diese einfache Frage eine Antwort geben. Und so geht das schon mein ganzes Leben lang. Ich will jetzt endlich wissen, wer mein Vater ist. Darauf habe ich schließlich ein Recht. Die Miller´s haben doch alle den Knall nicht gehört. Ihr tut immer auf Familie, aber es steckt rein gar nichts dahinter. Das finde ich ätzend.“ Erschrocken von den Vorwürfen und die heftige Reaktion von Luke, kam Duana ins Stocken. Die sonst so taffe Polizistin war um jedes Wort verlegen und suchte vergeblich nach einem Strohhalm. „Luke, es ist komplizierter als du dir denkst und nicht ganz einfach zu erklären. Wir waren damals so jung und unerfahren. Ich kann es dir im Moment nicht sagen. Bitte hab noch etwas Geduld. Es wird sich bald eine Gelegenheit ergeben. Das verspreche ich dir.“ Der Junge war nun aufgesprungen und lief im Zimmer unruhig auf und ab. Dann klopfte es an der Türe und Tracy stand im Rahmen. Sofort rannte Luke auf seine Großmutter zu und schmiss sich in ihre Arme. Eine heiße Welle des Neides schwappte über Duana. Wie sehr hätte sie sich gewünscht, dass ihr Sohn ihr mal so in die Arme gelaufen wäre. Doch dazu war es in all den Jahren nie gekommen. Zusammengesunken saß Duana wie ein Schulmädchen auf dem Bett und starrte auf den Boden. Wie immer selbstbewusst und stark ergriff Tracy das Wort. „Luke, was hältst du davon, wenn du nach den Sommerferien zu mir und Erik nach Stockholm kommst. Du könntest dort für ein Jahr zu Schule gehen und sehen, wie dir das Leben in Schweden gefällt.“ Duana blickte hoch und sah genauso erschrocken wie Luke aus. Doch der Junge berappelte sich schnell und stampfte mit einem Fuß auf den Boden. „Omi, das wäre super geil. Ich habe total Lust auf eine Veränderung und neue Leute. Da ich euch ja schon oft besucht habe, kann ich noch ein paar Fetzen schwedisch. Das kriege ich bestimmt prima hin.“ Luke strahlte nun über's ganze Gesicht. „Aber du musst dir dort auch neue Freunde suchen. Bedenke, dass du die hier aufgeben musst und eine Zeitlang nicht sehen wirst. Denk in Ruhe darüber nach und spreche mit deiner Mutter, Edana und Georg darüber. Mein Angebot steht auf jeden Fall.“ Tracy lächelte ihre Tochter an, der im Moment mehr zum Heulen, als zum Lachen zu Mute war. „Kommt ihr dann bitte runter, das Essen ist fertig.“ Beide nickten gehorsam und Tracy schloss die Türe hinter sich. Duana war nun vom Bett aufgestanden und ging ein paar Schritte auf Luke zu. „Das wäre doch wirklich eine gute Lösung, die Oma da vorgeschlagen hat. Dann kommst du auf andere Gedanken und lernst dazu noch die schwedische Sprache perfekt.“ Luke sah sie prüfend an und schien zu überlegen, ob seine Mutter die Äußerung ernst meinte oder nicht. Duana ließ einen Moment ihren Blick auf ihrem Sohn ruhen und war insgeheim sehr stolz auf ihn. Er wirkte so erwachsen und klar und nicht mehr wie ein Kind. Dann sprudelten die Worte ungefiltert aus Luke´s Mund. „Ich finde unsere ganze Familie ziemlich verlogen, denn niemand spricht die Wahrheit aus. Glaubst du, dass hier in all den Jahren mal ein Wort über Gefühle oder Sehnsüchte gesprochen wurde. Fehlanzeige! Und ob du wirklich damit einverstanden bist, dass ich nach Oma ziehe, kann ich überhaupt nicht einschätzen. Ich fühle mich immer nur hin und her geschoben. Keiner nimmt mich ernst.“ Luke stand jetzt ganz dicht vor Duana. „Und im Übrigen, wie krank ist das denn, dass man mit dreizehnt noch nicht einmal wissen darf, wer sein Vater ist.“
Die Luft war samtig weich und wehte eine feine Brise einer Geißblatthecke hinüber, als Duana an diesem Abend in Richtung Pub ging. Normalerweise war das Wetter an der Ostküste im Sommer immer stetig warm, doch heute wehte ein frischer Wind durch Dublin. Sie konnte Howard Sinclair schon vom Eingang aus sehen. Er saß, wie immer, in seiner Lieblingsecke, wo der den ganzen Schankraum im Blick hatte. „Guten Abend Duana“, begrüßte er die Freundin und schob einen Stuhl in ihre Richtung. Es war neun Uhr abends und der Pub füllte sich langsam, mit den immer wiederkehrenden Gesichtern. In einer knappen halben Stunde würde die Session der Musiker beginnen, die sich hier zweimal in der Woche zum Musizieren trafen. Dann würde man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, darum musste Duana schnell zum Punkt kommen, wenn sie mit Howard reden wollte. „Guten Abend Howard. Was trinkst du da?“ Duana hatte sich auf den freien Stuhl gesetzt und blickte sich um. „Ach, das ist nur ein Cider. Ich habe schon lange keinen eisgekühlten Apfelwein mehr getrunken. Willst du mal probieren? Er schmeckt köstlich.“ Howard reichte der kleinen Dunklen das Glas, die ein paar Mal davon nippte.“ Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Mh…schmeckt wirklich lecker. Habe ich auch schon ewig nicht mehr getrunken. Als ich damals erfahren hatte, dass ich schwanger bin, habe ich sofort keinen Alkohol mehr zu mir genommen. Darunter fiel leider auch der Cider.“ Howard blickte Duana erfreut an und schmunzelte leicht. Warum erzählte sie ihm das? Die kleine Dunkle war doch immer wieder für Überraschungen gut und genau das liebte er an ihr. „Gibt es was Neues in euren beiden Mordfällen?“ Duana schüttelte den Kopf. „Ach, lass uns doch von etwas anderem reden. Ich will mir im Moment keinen Kopf um die Fälle machen. Wir sind keinen Schritt weiter.“ Sie war leicht genervt und hatte sich nur aus einem Grund mit Howard verabredet. Er sollte sie ablenken und auf andere Gedanken bringen. Immer wieder ging sie das Gespräch mit Luke in ihrem Kopf durch und fragte sich, ob sie Howard wirklich davon erzählen sollte? Aufmerksam musterte der Detektiv die kleine Dunkle, denn er kannte sie auch nach all den Jahren der Abwesenheit immer noch sehr gut. „Was geht dir denn sonst durch den Kopf? Du wirkst irgendwie müde und nicht ganz bei der Sache. Kann ich dir bei etwas helfen?“ Duana nahm einen kräftigen Schluck von ihrem eigenen Cider, den Trudy in diesem Moment auf den Tisch gestellt hatte. Drei der vier Musiker waren bereits eingetrudelt und packten ihre Instrumente aus. Gleich würden sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen, also musste Duana schnell überlegen, ob sie Howard von dem Vorfall mit Luke erzählen sollte. „Luke ist wieder bei meiner Schwester und meinem Schwager. Und ich war so froh, dass er unbeschadet zu Hause angekommen war in Eniskillen. Doch er hat sich verändert und fragt mich Sachen, die ich ihm nicht beantworten kann. Meine Mutter hat ihm vorgeschlagen, mit ihr nach Schweden zu kommen.“ Howard grinste vielsagend und nickte. „Oh, das wäre eine super Gelegenheit für ihn. Aber so dramatisch können doch seine Fragen nicht sein. Ich meine, er ist 13 Jahre alt. Was kann ein Junge in seinem Alter schon Schlimmes wissen wollen, was du ihm nicht beantworten kannst?“ Duana hob ihr Glas und prostete dem Freund zu. Doch wenn sie ehrlich war, dann trank sie heute nur für sich alleine, denn sie wusste sich keinen anderen Rat.