Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte fast zeitgleich wie Duana´s Handy, jedoch sie ignorierte beides. Ron Fagan, der Barbesitzer vom Brazen Head saß Duana gegenüber. Sie hatte ihn heute Morgen ins Revier bestellt, um noch einige Fragen mit ihm zu klären. Dieser studierte unterdessen aufmerksam die irische Tageszeitung und las laut vor:
„Mit reichlich Vorschusslorbeeren haben am Dienstag die Arbeiten für den Luxuspark und die angrenzenden Forschungsgebäude in Brittas Bay begonnen. Beim symbolischen Spatenstich wurde das Projekt als äußerst wichtig deklariert. Fünf Unternehmen, die sich der Forschung angenommen haben, sollen eng mit der Universität Dublin zusammenarbeiten. Über 10 Millionen Euro werden in dieses Unternehmen einfließen.“
Ron sah Duana fragend an, die still hinter ihrem Schreibtisch saß. „Die Fertigstellung ist für das dritte Quartal 2033 geplant.“ Ron faltete die die Zeitung zusammen und legte sie sorgfältig auf Duana´s Schreibtisch. Seine Stimme klang verbittert. „Haben die Schweine denn überall ihre Hände drin? Reicht es nicht, dass hier ein junger Student und ein angesehener Professor ihr Leben für diese Luxusprojekte lassen mussten? Ich habe das Gefühl, dass alles meine Schuld ist. Es hätte niemals so weit kommen dürfen.“ Ron starrte vor sich hin und schwieg. Er schien auf seinem Stuhl zu schrumpfen und zu einem elenden Häufchen zu werden. -Ich weiß gar nichts über ihn-, dachte Duana und fühlte sich etwas schuldig dabei. Was hatte dieser Mann für eine Vergangenheit? Welches Geheimnis trug er mit sich herum, was er niemandem erzählen konnte. Und das es da etwas gab, war offensichtlich. Nur konnte die kleine Dunkle es nicht greifen. Dann sammelte er sich wieder und sagte: „Der Familie wegen, hätten diese skrupellosen Haie doch mit einem neuen Projekt ein bisschen warten können. Was ist mit den Eltern des jungen Mannes? Was ist mit der Frau von Albert Bush? Die müssen doch am Boden zerstört sein, wenn sie das lesen. Ein Menschenleben ist doch in der heutigen Zeit überhaupt nichts mehr wert.“
Er hob den Kopf und versuchte zu lächeln, was ihm aber nicht so gut gelang. „Wahrscheinlich interessiert es auch niemanden. Trotzdem würde mich interessieren, ob dein Onkel in dem neuen Projekt bei Brittas Bay drinsteckt. Es gibt viele Gerüchte darüber, die in der Bar die Runde machen.“ Er schaute aus dem Fenster und beobachtete die Tauben, die auf der Fensterbank pickten. Duana rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Keine Ahnung Ron. Ich bin wohl noch nicht lang genug wieder hier, um das beantworten zu können. Ich tappe noch im aktuellen Fall völlig im Dunkeln, was Onkel Sam betrifft. Wie soll ich dir das andere denn beantworten?“ Es kam härter aus ihrem Mund, als sie es gewollt hatte. „Warum hast du damals das Brazen Head übernommen? Und warum ist es deine Schuld, dass die beiden Personen nicht mehr am Leben sind?“ Abrupt drehte sich Ron zu Duana um und antwortete ihr mit klarer, fast schneidender Stimme. „Ich habe die Brutalität in meinem alten Job nicht mehr ausgehalten. Die Gewalt, die Menschen einander antun, als gäbe es kein morgen. Tag für Tag immer das gleiche Schauspiel und es wurde immer schlimmer.“
Er blickte wieder zum Fenster und Duana hoffte inständig, dass er weitersprach und dass nicht ausgerechnet jetzt jemand in ihr Büro kam. Sie spürte, dass Ron sich schon jahrelang danach gesehnt hatte, es jemandem sagen zu dürfen. Wahrscheinlich war dies der intimste Moment, den sie seit ihrer Rückkehrt nach Irland mit einem Menschen geteilt hatte. Der Barbesitzer war schneeweiß geworden und instinktiv streckte Duana ihre Hand nach ihm aus. „Als ich von Peter´s Tod erfuhr, war plötzlich alles wieder da und ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass mein eigenes Fleisch und Blut Opfer eines Verbrechens geworden war.“ In dem Moment klopfte es an der Türe und Patrick steckte den Kopf herein. Er brauchte nur einen Bruchteil einer Sekunde, um zu kapieren, dass er hier unerwünscht war. Wortlos zog er den Kopf zurück und schloss leise die Türe. Duana hatte ihm stumm zugenickt und war ihm für sein gutes Gespür unendlich dankbar.
„Peter war dein Sohn? Das wusste ich gar nicht.“ Ron blickte die kleine Dunkle fragend an, ohne ihre Frage zu beantworten. „Wie hältst du den ganzen Stress aus? Ich war früher in der gleichen Position wie du. Ich war ebenfalls bei der Polizei beschäftigt, bis ich einen Nervenzusammenbruch bekam.“ Obwohl sich Duana Tag für Tag die gleiche Frage stellte, konnte sie in diesem Moment keine Antwort darauf geben. Ron war ebenfalls Polizist gewesen? Diese Information war ihr neu. Sie zögerte und suchte verzweifelnd nach den richtigen Worten. Dann klingelte erneut ihr Telefon. Etwas genervt hob sie den Hörer ab und legte ihn neben den Apparat auf den Tisch. „Ich glaube an das Prinzip der Gerechtigkeit. Das verschafft mir zu den Opfern eine gewisse Distanz. Ich muss ja von außen auf das Geschehene sehen, anders kann ich nicht arbeiten.“ Sie überlegte einen kurzen Moment, um den richtigen Ton zu treffen. „Und man muss sehr gut aufpassen, dass man die Menschen in seinem Umfeld dabei nicht überfordert. So ein Tunnelblick wäre in der Tat fatal für unsere Arbeit. Aber du weißt ja wovon ich spreche.“ Ron schwieg, denn darauf wusste er scheinbar nichts zu erwidern.
Nach einer Weile des gemeinsamen Schweigens, wiederholte Duana ihre Fragen nach seinem Sohn Peter und nach seiner Schuldfrage. Der Barbesitzer war aufgestanden. „Ja, Peter war mein Sohn. Ich war mit seiner Mutter ein paar Jahre liiert, dann haben wir uns getrennt und Peter blieb bei seiner Mutter. Bis er vor ein paar Monaten in die Bar kam und nach einem Job fragte.“ Duana nickte zustimmend, sagte aber nichts. „Kinder wollen ihren Eltern immer helfen, wenn sie aus zerrütteten Familien stammen. Peter war nicht anders, doch leider hatten wir viel zu wenig Zeit für einander. Das Leben kann schon manchmal richtig beschissen sein.“ Dann klopfte es wieder an der Türe und Patrick stand erneute im Türrahmen. „Sorry Ron, aber Duana und ich müssen dringend noch eine Zeugin vernehmen und die wohnt etwas weiter weg. Ich habe mehrfach versucht dich anzurufen, doch ich bekam kein Freizeichen.“ Patrick wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, denn er wusste nicht, wie Duana darauf reagieren würde. Das war das Zeichen für Ron aufzustehen und sich zu verabschieden. „Ich bin schon weg, denn wir haben doch alles besprochen. Oder Duana?“ Er blickte die Polizistin mit traurigen Augen an, die immer noch ihre Gedanken sortierte und scheinbar nicht klar denken konnte. „Ja klar Ron, wir sind fertig. Und wenn noch etwas ist, dann weiß ich ja, wo ich dich finde. Aber sag mir bitte noch eins. Warum bist du am Tod von Peter schuld?“ Ron hatte sich schon in Bewegung gesetzt, als er abrupt stehen blieb. Traurig blickte er auf. „Ich beziehe meinen Whisky von der Devine Destille.“