Raus aus dem Korsett!

Aus der Region

Teil einer Infotafel

Neue Ausstellung im Museum für Europäische Volkstrachten ab Sonntag 12. April

Das Korsett als Schwerpunkt einer Ausstellung zum Thema FREIHEIT? Das erscheint zunächst widersprüchlich, gilt doch das Korsett als Sinnbild für Einengung, Zwang und Erwartungsdruck.

Drei Studentinnen der Hochschule Niederrhein Fachbereich Textil - Bekleidung unter der Leitung der Dipl.-Ingenieurin Heike Kienow stellten sich dieser Herausforderung. Unter dem Titel "Zwischen Norm und Selbstbestimmung - die Frau im Korsett der Zeit" machen sie dieses Spannungsfeld zwischen äußerem Druck und innerem Anspruch im Museum für Europäische Volkstrachten sichtbar und erlebbar.

Der Museumsbesucher wird in einer begehbaren Rauminstallation durch verschiedene Stationen geleitet und zum Schauen, Informieren, Nachdenken und Mitmachen angeregt. Historische Exponate aus dem Museum van de vrouw in Echt/NL sowie dem Heimatmuseum Waldfeucht lassen mit ihren Korsettstangen, engen Verschnürungen mit stabilen Haken und Ösen erahnen, welche (Ver-)Formungen des weiblichen Körpers in den verschiedenen Modeepochen angestrebt wurden.

Aufbauend auf einer Studienarbeit von Flora Classen zeigen zahlreiche Abbildungen und Informationstafeln die Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung des Korsetts. Unter den Bedingungen von Krieg, Arbeit und Mangel in und nach den Weltkriegen veränderte sich das Frauenbild. In der Ausstellung wird dies mit KI-generiertem Bildmaterial emotional veranschaulicht.

Über eine optische "Schwelle" zur Neuzeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart öffnet sich für die Besucherinnen und Besucher eine neue Sichtweise: das Korsett als Ausdruck und Zeichen von Befreiung und Selbstbestimmung. Magazine zeigen z.B. ein an der Hochschule entwickeltes experimentelles Korsett im Stil eines Brautkleides oder das ikonische und provokative Outfit von Madonna von 1990.

In der gesamten Gestaltung der Exponate wird erfrischend deutlich, wie engagiert und detailliert sich die Studentinnen Flora Claßen, Nicoletta Müllender und Eva Roßbach in ihr Thema vertieft haben. Labore und hochtechnisierte Textilmaschinen standen ihnen zur Verfügung, die sie gekonnt und vielseitig nutzten, sei es für die textile Besucherführung, eine akribisch mit Hilfe einer Hochfrequenz-Stickmaschine erstellte Korsage oder die interaktive Bildsäule. Hier wird das Korsett nicht mehr als historisches Zwangsinstrument gesehen, sondern das Körperbild wird als wandelbares Medium verstanden, das von den Besuchern individuell gestaltet werden kann. Heinz Schlömer von den Beecker Museen unterstützte die Studentinnen mit technischer und grafischer Expertise und setzte mit überzeugendem Beleuchtungskonzept die Ausstellung gut in Szene.

Dass es mit der Selbstbestimmung so einfach aber doch nicht ist, zeigt in der fünften Station ein thermoplastisch gestaltetes "unsichtbares Korsett". Die durchsichtige Körperkontur lässt die dahinterliegende Textbotschaft durchscheinen. Umwickelt ist es mit Textbändern zu Fragen zum eigenen Erscheinungsbild, die sich wohl jeder häufig stellt und den Betrachter nicht unberührt lassen. 

Die Besucher werden eingeladen, auf Karten zu notieren, was für sie Freiheit, Fremd- oder Selbstbestimmung ist. Schon beim Pressetermin sorgten die Antworten für lebhafte Diskussionen. Das ist auch ausdrücklich von den Studentinnen so gewünscht: sie geben keine Antworten, sondern die Auseinandersetzung mit dem Thema soll über die Ausstellung hinausgehen und Teil des Alltags werden.

Die Ausstellung ist ein Beitrag des Museums zum Themenjahr FREIHEIT des Museumsnetzwerkes Niederrhein und wird gefördert vom Regionalen Kulturprogramm NRW – ebenso wie auch die ebenfalls im Trachtenmuseum zu erlebende multimediale Zeitreise: „Mode, Musik und Freiheitsstreben in den 50-er bis 90-er Jahren“.

Die Ausstellung ist ab dem 12. April sonntags nachmittags von 14.00 bis 17.00 Uhr bei freiem Eintritt zugänglich sowie für Gruppen nach Terminabsprache.



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