Führung über den jüdischen Friedhof in Wickrath

Wickrath

Fotos: Helga Robertz

Kurt Eitel ist Vorstandsmitglied des Wickrather Heimat- und Verkehrsvereins und gleichzeitig auch des Geschichtskreises. Er bot am 17. April eine Führung über den jüdischen Friedhof an, Treffpunkt Eingangstor Rossweide. Viele Interessierte fanden sich zu diesem Informationsnachmittag ein.

Für die Wiederauflebung der Führungen in Wickrath hatte Kurt Eitel sehr viel recherchiert zur Entwicklung der Jüdischen Gemeinde in Wickrathberg, die als Zentrum des Gemeindewesens anzusehen ist. Seine Recherchen reichen zurück bis ins Jahr 1612:

Die Namen „Beyfuß von Deutz“ tauchen auf, sowie ein „Schutzjude“ und „Jud Capel“. Bis zur Errichtung der ersten Synagoge im Jahr 1814 soll es bereits zwei Beträume gegeben haben. In der Folgezeit entwickelte sich Wickrathberg zum größten Zentrum der jüdischen Gemeinde innerhalb des Kreises Grevenbroich. Die Gläubigen aus Wickrath, Wickrathhahn, Beckrath, Herrath und der Enklave Schwanenberg kamen hierher. Wanlo hatte einen eigenen Judenfriedhof. Diese jüdische Gemeinde wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in die Gemeinde Wickrath / Wickrathberg integriert. 

Die Juden wurden hier damals mehr toleriert als allgemein üblich, wozu sicherlich der zu zahlende Judentribut beitrug – eine gute Einnahmequelle für die Landesherren, denn 25 Familien zahlten um das Jahr 1790 insgesamt einen Obolus von 422 Gulden. Erlaubt waren den Juden nur Berufe wie Metzger, Viehhändler, Kaufmann oder Geldverleiher.

Die alte Synagoge von 1814 wurde 1860 neu errichtet (zerstört in der Reichspogromnacht 1938). Zum Zeitpunkt der Einweihung gab es 193 jüdische Gemeindemitglieder, davon 84 aus Wickrathberg. Die Zahlen veränderten sich im Laufe der Jahre: 1885 wurden 250 Juden registriert, 1928 nur noch 94, 1935 wieder 118. Im Dezember 1942 gab es keine Juden mehr in der Gemeinde Wickrathberg und Umgebung. 

Viele Mitglieder flohen noch rechtzeitig ins Ausland nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933. Die hiergebliebenen Juden wurden in Judenhäuser gebracht (Quadtstraße 34 und Rheindahlener Straße 30 in Wickrath), dann zusammengedrängt in das Haus der Geschwister Simons auf der Kirchtreppe 2, bevor 1941 alle deportiert wurden.  

Es gibt ein Buch von Hilde Sherman, geb. Zander „Zwischen Tag und Dunkel - Mädchenjahre im Ghetto“, worin die Gräueltaten, Zerstörung, die erschreckenden Ereignisse sehr eindrucksvoll beschrieben werden. Belegt ist heute, dass der Lehrer Emil Vits, der 1968 mit allen Ehren in den Ruhestand entlassen wurde, am Tag nach der „Kristallnacht“ mit den Schülern seiner Klasse in die Wickrathberger Synagoge eindrang und den Rest zerstörte. 

Hilde Sherman-Zander überlebte als einziges Mitglied ihrer Familie den Holocaust und emigrierte 1945 nach Kolumbien. Stolpersteine und eine Gedenkplatte für die Familie Zander finden sich am Standort der ehemaligen Synagoge, Berger Dorfstraße 27. 

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde den Besuchern der jüdische Friedhof nähergebracht. Er hat eine Fläche von über 3.000 qm und ist seit 1819 am heutigen Standort urkundlich erwähnt. Der Begräbnisplatz ist von einer hohen Backsteinmauer umgeben und mit Bäumen und Hecken bepflanzt. Er ist nicht frei zugänglich, kann aber nach Absprache besichtigt werden.
Aus der Zeit von 1845 bis 1942 bestehen noch 68 Grabsteine. Der Name „Harf“ taucht immer wieder auf. Der Grund dafür ist, dass nach einem Edikt von Napoleon sich alle Juden „Allerweltsnamen“ zulegen mussten, wie Quack, Gormanns, Simons oder auch Harf. Ob sich der Name „Harf“ auf den biblischen König David bezieht, der häufig mit einer Harfe dargestellt wird, ist nur eine Vermutung. 

Wir begegnen hier u.a. der Grabstätte der vorher bereits erwähnten Familie Zander. Der Name ist vielen Menschen spätestens seit der Teilumbenennung der Blücherstraße in Hilde-Sherman-Zander-Straße bekannt. 

In Wickrath ist natürlich auch der Name „Spier“ ein Begriff. Zacharias Spier (1836 – 1901) teilt sich die Grabstätte mit seiner zweiten Frau Sabine, geb. Hirsch. Seine erste Frau Philippine Hirsch starb nach der Geburt ihres vierten Kindes. Nach jüdischer Sitte ist es üblich, die Schwester der verstorbenen Frau zu heiraten. Mit seiner Frau Sabine bekam er noch weitere fünf Kinder.

1855 übernahm Zacharias Spier eine Lohgerberei, die spätere Wickrather Lederfabrik, einst eine der bedeutendsten Lederfabriken Deutschlands mit bis zu 650 Mitarbeitern. Die NS-Diktatur warf den jüdischen Besitzern 1936 Devisenvergehen und versuchte Steuerhinterziehung vor. Es folgte die Enteignung, der Betrieb wurde in deutschen Besitz überführt. An die überlebenden Mitglieder der Familie Spier ging die Firma dann 1948 wieder zurück.

Der Schwiegersohn von Zacharias Spier, Ludwig Hans Wettendorf, Ehemann von Betty Spier, übernahm nach dem Tod von Zacharias Spier die Leitung der Lederfabrik. Ihm wurde ein imposantes Grabdenkmal gewidmet, erstellt von dem deutsch-jüdischen Bildhauer Benno Elkan (1877-1960). Dieser Künstler hat später auch die große Menora vor der Knesset in Jerusalem geschaffen. 

Das zweite große Grabmal ist Gretel Spier, ‏‎geb. Bodenheim (‏‎28.4.1889-15.6.1936) gewidmet. Sie wurde nach der Anklage des Devisenvergehens verhaftet. Im Düsseldorfer Gefängnis setzte man ihr und den anderen Familienmitgliedern stark zu. Sie war so verzweifelt, dass sie 1936 Selbstmord beging. Gegen die restlichen Familienmitglieder wurde später die Anklage aufgehoben. 

Der Bildhauer Leopold Fleischhacker erschuf das Grabmal, das eine sitzende, trauernde männliche Figur zeigt, die von der stehenden weiblichen Figur getröstet wird. 

Das Monument trägt die Inschrift:

Auf Glück habe ich ‏‎gehofft und es kam ‏‎Unglück – 
auf Licht ‏‎geharrt und das ‏‎Dunkel kam. Hiob 30.26



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